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Warum nicht einen Blick auf die Landwirtschaft werfen, um irgendwo anzufangen. Neulich sah ich zufällig einen Beitrag zum Thema bäuerliche Direktvermarkter. Die sind heute mit einem wahren Furor von Vorschriften überzogen. Vorschriften, die es einem traditionellen bäuerlichen Betrieb kaum noch erlauben, seine eigenen Waren unter die Leute zu bringen. Kennzeichnungspflicht für sämtliches Viehzeug, Verbot der Hausschlachtungen unter dem Vorwand von Hygienebestimmungen - und damit die Ausmerzung bäuerlich-subsistenter Dorfsitten: Schlachtfeste waren immer auch Austausch diverser Hilfen untereinander. Fleisch und Wurst müssen heutzutage vor dem Verkauf durch eine gekachelte Luftschleuse getragen werden, bevor sie in die gläserne Verkaufstheke gelegt werden dürfen. Rohmilch ist hoch gefährlich. Schafe müssen registriert, kontrolliert, tierärztlich versorgt werden, bevor man sie überhaupt auf irgendeine Wiese frei lassen darf. Um Fleisch, Eier oder Gemüse selbst auf dem Markt verkaufen zu dürfen, müssen die Bauern verschönern, erneuern, werben, ihr Angebot erweitern, sich verschulden und das Ergebnis? Bauern sind zu Erzeugern steriler Massenware geworden und wenn sie selbst vermarkten, alle Vorschriften minuziös beachten, dann sorgt ihr Bauernhof in all seiner „natürlichen“ Schönheit fürs Wohlfühlen, um die Konsumenten in ein gutes Verbrauchergefühl einzuwickeln. Der Bauernhof als Kulisse eben. Einer Kulisse, in der es keine Rohheit, keinen Dreck, keine Häßlichkeit gibt.

Kulissen sind heute die alten Stadtteile unserer Städte und Dörfer. In meiner Kindheit gab es die „Altstadt“ als Gegend, in der ein Kind aus besserem Hause auf keinen Fall hingehen durfte. Die Häuser waren dunkel, manche halb verfallen. Die Gassen eng und schmutzig. Die Menschen dort verstanden sich als zusammengeschweißte Gemeinschaft, wenn ich einem dieser Altstadtbewohner glauben darf - einem Bäcker, der seit seiner Geburt im Altstadtviertel Bad Homburgs lebt und heute genug hat von der Schickeria und den Überempfindlichkeiten der Gutbetuchten, die sich die Altstadt inzwischen unter den Nagel gerissen haben, weil ihnen das „Ambiente“ behagt. Die Einzigartigkeit der schiefen, verwinkelten Häuschen mit ihren Familiengerüchen und -geschichten weicht der Konformität: alle in Luxusdomizile verwandelt.

Wir sollen geschönte Kulissenexistenzen leben, die sich dem Gezeigten anschmiegen. Ein Leben in Glastheken mit Türen, die lautlos wie von selbst auf und zu gleiten. Es macht keinen Unterschied, ob Tankstelle oder Bestattungsinstitut - das gleiche Layout. 

Die Menschen werden systematisch voneinander getrennt. Die radikale Vereinzelung ist wohl die dramatischste Errungenschaft der hoch“entwickelten“ Gesellschaft. Nicht nur, dass gegeneinander als Konkurrenten antreten von Kindesbeinen eingeübt wird - das Miteinander verkommt zur Methode der Steigerung von Ego-Qualitäten (soziale Kompetenz). Das „Ich“, auf die sich Verhaltensregulierung und Selbstoptimierung richten, dieses „Ich“ ist leer und stumm geworden. Die Sprache ist korrekt und damit kalt.

Diese Epidemie der Verlassenheit, die einen Markt von „Gesprächstherapie“, ein unaufhörliches Reden über das schwindende Selbst, eine Flut von Ruhigstellungsmitteln aller Art hervorbringt: all das, weil wir kein „Du“ mehr haben - die Angewiesenheit aufeinander ist zum Verschwinden gebracht und durch die Angewiesenheit auf Käufliches ersetzt. Dabei ist uns das Können abhanden gekommen, wir können unsere Kinder nicht mehr erziehen, nicht mehr für uns oder unsere Alten sorgen. Derart hilflos sind wir als Kulissenbewohner geeignet, als lebloses Inventar einer sich selbst permanent reproduzierenden und wuchernden Dienstleistungsmaschinerie.

Welche Möglichkeit unsere Stiftung in der bedrückenden Situation unserer Gegenwart hat? - ich finde, wir könnten mit ihr:

Mit guten Gründen nein sagen zur ahumanen Zerstörungswut dieser gemachten Welt (Illich und Freunde tun das).

  • Keine Anweisungen fürs Besser-machen erteilen.
  • Das Thema/Sorge/Sache im Mittelpunkt sehen, nicht die Methode oder das eigene „Profil“.
  • Lebendigkeit in gemeinsamem Tun und Lassen finden. Vielleicht sogar mehr im Lassen: was Lassen und wie das hinkriegen?
  • Sprechen (im ureigensten Sinne) üben / lernen.
  • Leise bleiben.
  • Freundschaften schließen und Gastgeber sein und werden.

Das fördern, was uns unserem Können wieder nahebringt.