Reflexionen in Zeiten des Ausnahmezustands

Wir fragen uns, warum die gegenwärtige Krise im politischen Handeln ausgerechnet dadurch gemeistert werden soll, dass wir aus der Konvivialität keine Kraft schöpfen. Abstandsregeln, Versammlungs- und Besuchsverbote scheinen auf unabsehbare Zeit unseren Alltag zu reglementieren. Sind wir an einem kulturellen Bruch angekommen, der seine Schatten schon lang voraus geworfen hat? In der Rubrik »Tagebuch« wollen wir Texte veröffentlichen, die Zeugnis über die jüngsten Geschehnisse ablegen und inmitten der Verwirrungen ein Nach-denken anregen.

  • I. «Epidemie» ist der Terminus technicus, den Illich (1926.2002) schon in den ersten Zeilen seines Klassikers Medical Nemesis (1976) verwendet, um die Ausbreitung der «modernen Medizin» zu charakterisieren.

  • Dieser Artikel erschien am 21.1.2021 in der österreichischen Zeitschrift "Furche" und löste eine lebhafte Debatte aus.

  • Anfang April verfasste ich einen Aufsatz unter dem Titel „Fragen zur Pandemie aus der Perspektive Ivan Illichs“. Ich schrieb diesen Text vor allem, um meine eigenen Gedanken zu ordnen und um sie mit einigen Gleichgesinnten zu teilen. Doch dank des italienischen Philosophen Giorgio Agamben, der meinen Essay auf seinem Blog „QuodLibet“ veröffentlichte, wurde der Text von vielen gelesen, vervielfältigt und übersetzt. Seitdem wurde ich von einigen gefragt, ob sich mein Standpunkt zu dem, was ich im April geschrieben hatte, geändert habe. Die Antwort ist nein. Aber ich habe weiterhin über die Bedeutung dessen, was uns ereilt hat, nachgedacht. Eines der Ergebnisse dieser Reflexionen ist ein Artikel, welchen ich für die Oktoberausgabe des „Literary Review of Canada“ schrieb. Der Text ist verfügbar unter: https://reviewcanada.ca/magazine/2020/10/the-prognosis/. Hier sind einige weitere Überlegungen.

  • Letzte Woche habe ich einen Essay über die derzeitige Pandemie begonnen, in dem ich versucht habe, die meiner Meinung nach zentrale Frage anzusprechen: Ist der massive und kostspielige Aufwand, den Schaden einzudämmen und zu begrenzen, den das Virus verursacht, die einzige Wahl, die wir haben?